«Praxis, Dr. Miniskus, Wickel am Apparat. Was kann ich für Sie tun?»
«Guten Tag, hier ist Spartacus. Ich würde gerne direkt abrechnen.»
«Das geht leider nicht bei uns.»
«Was? Beim Jupiter, aus welchem Jahrhundert sind Sie denn?»
«Nun, Sie sind bei einer Behandlung der Honorarschuldner, also möchten wir das Geld auch von Ihnen.»
«Mir wäre es aber lieber, Sie würden mich bei einer Behandlung als Patient betrachten, und nicht als Honorarschuldner.»
«Ja schon, aber es ist uns trotzdem lieber, wenn Sie die Rechnung bezahlen und dann das Geld von der Krankenkasse zurückfordern.»
«Auch wenn ich Spartacus heisse: ich bin weder eine Sparkasse noch eine Bank. Ist es denn so schwer, die Rechnung gleich direkt an die Krankenkassen zu schicken?»
«Nein, aber wie gesagt, wir machen das nicht.»
«Warum?»
«Das ist nun einfach so.»
«Aha, ein Arztgeheimnis, also.»
«Kann man so sagen. Also, was können wir für Sie tun?»
«Ich habe ein starkes Unwohlsein verbunden mit Schwindel- und Ohnmachtsgefühlen und einen Anflug einer Depression mit allergischen Reaktionen.»
«Hoppla. Und seit wann?»
«Seit ich mit Ihnen telefoniere...»
«Ti quoque mi fili?» hörte ich neulich im Wartezimmer eine Stimme flüstern. Ich drehte mich um und da sass doch tatsächlich ein wackerer Mitstreiter aus alten Tagen, der gerne anonym bleiben will. Welche Freude! In brevi erzählte er mir in leisem Ton, dass er incoginto hier sei – schliesslich sollten seine Gegner nicht wissen, dass er verwundet sei. Aber er sei in grosser Sorge, denn neuerdings könne der Arzt die Arztrechnung ja direkt an die Krankenkasse senden – und dann sei seine Verwundung kein Geheimnis mehr. Ich beruhigte ihn: er soll in diesem casus einfach den Arzt darum bitten, die Rechnung nicht an die Krankenkasse zu senden, sondern einfach ihm zu geben. So kann er sie selber begleichen und sein Geheimnis bleibt gewahrt. Gut zu wissen, finden Sie nicht auch?
Ich habe das mit der elektronischen Leistungsabrechnung lange selber auch nicht ganz verstanden, denn Sie müssen sehen: das Internet ist mir so fremd wie den Römern die Völker jenseits des Limes. Heute weiss ich zwar wie's funktioniert, verstehen tue ich es aber immer noch nicht. Es läuft folgendermassen ab: nachdem ich beim Medicus war, tippt die Praxisasstistentin auf ihrem Computer eine Rechnung ein, druckt diese dann auf einem Stück Papier aus und sendet sie mir. Ich begleiche die Rechnung und sende anschliessend das Papier weiter an die Versicherung. Und jetzt kommt’s: dort tippen dann Assistentinnen die Rechnung wieder behände ab, damit die Daten wieder zurück in den Computer gelangen und einfacher bearbeitet werden können. Sic! Warum beim Jupiter sollen denn die Praxisassistentinnen nicht einfach die Rechnung direkt an die Versicherer senden dürfen? Legen sie sich dann etwa mit der Kommission zur Aufrechterhaltung der Abtippkultur an? Oder interveniert dann die Papierlobby, weil weniger Papier verbraucht wird? Steckt etwa die Post dahinter, die weniger Portoeinnahmen befürchtet? Ich verstehe ägyptische Hieroglyphen, altlateinische Gedichte und sogar frühgallische Volksweisen. Aber die gängige Abrechnungspraxis bei helvetischen Arztbesuchen ist mir ein Rätsel. Vielleicht kann sie mir jemand erklären? Mag es hier jemand indirekt?
Ich gebe es zu. Ab und zu rufe ich Ärzte an, nur um mit ihnen über die direkte Abrechnung zu diskutieren. Natürlich am liebsten mit denen, die sie nicht anbieten. Und dann kann es passieren, dass ich am Telefon Folgendes zu hören bekomme:
«Nein, die Rechnung senden wir direkt an den Patienten. Er ist ja schliesslich unser Honorarschuldner», höre ich die resolute Stimme aus dem Telefon. Eine gewisse Strenge darf dabei nicht fehlen.
Und tatsächlich, es klingt so selbstsicher, so logisch, man könnte es fast für Gegeben hinnehmen. Trotzdem frage ich nach. Man bliebe ja trotzdem der Honorarschuldner, aber nachdem es ja letztendlich die Versicherung zahlen müsste…
Ich werde von einem «Das Krankenversicherungsgesetz schreibt vor, dass die Patienten Einsicht in die erbrachten Leistungen haben» unterbrochen.
«Meine Krankenversicherung sendet mir sowieso eine Kopie!», trumpfe ich auf.
«Ja, möchten Sie denn nicht im Vorhinein entscheiden, welche Rechnungen Sie weiterleiten möchten?», fragt mich eine entrüstete Stimme.
«Naja, das kann ich ja auch dem Arzt im Vorhinein sagen», versuche ich zögerlich.
Meistens wird an dieser Stelle das Gespräch mit einem forschen «Es tut mir leid, grade ist ein Patient in die Praxis gekommen» abgebrochen.
Manchmal aber, an den guten Tagen, mündet das Telefonat in eine Diskussion und ich höre Argumente wie «Das ist gesetzlich verboten!» oder «Die Daten-Hoheit des Patienten geht verloren».
Zeigt auch das nicht die gewünschte Einsicht bei mir, wird schwereres Geschütz aufgefahren:
«Der Datenschutz ist nicht gewährleistet» und «Das Patientengeheimnis wird ungenügend geschützt». An dieser Stelle gebe ich meistens ein Stück zu den gängigen Standards des Internet-Banking zum Besten, das mein Gegenüber am Telefon stöhnen lässt.
Oft wird auch versucht, das Unbehagen mystisch zu schüren. Dann erweist sich das Internet als hilfreich: «Möchten Sie, dass Ihre Daten irgendwo im Internet herumgeistern?»
Nicht, dass das besonders glaubwürdig ist. Aber es führt zu erfrischenden Diskussionen rund um das Thema: Big brother is watching you.
Klingt die Stimme am anderen Ende der Leitung dann schon sehr empfindlich und gereizt oder ist gar ein Stöhnen zu vernehmen, dann mache ich mich auf in die letzte Runde.
Denn so ein Seufzer fordert aufmunternde, herzliche Worte, die einen Motivationsschub beim ermüdeten Gegenüber auslösen.
Deshalb hier einige Vorschläge für diese wichtige Aufgabe:
«Auch Sie können mithelfen, Kosten zu sparen. Hier und in diesem Kanton. Und überhaupt.» Damit nehmen Sie Ihr Gegenüber gleich mit in die Pflicht – ob es nun will oder nicht.
«Werden auch Sie patientenfreundlicher!», um zu appellieren. Von wegen: «He He, deine Konkurrenz ist es nämlich schon lange!»
Fazit: Schwerter schärfen und Argumente klingen lassen!
Neulich kam einer meiner Mitstreiter, ein Helvetier, mit der Patientenkopie einer Arztrechnung daher. Gründlich wie er ist, wollte er sie kontrollieren – um ggf. seine Versicherung zu informieren, falls etwas nicht der veritas entspräche. Nur: in welcher Sprache ist sie geschrieben? Da sie im reichlich spanisch vorkam, fragte er zuerst die Hispanier in unserer Kohorte. «No sé», also «weiss nicht», war die Antwort. Der Reihe nach konsultierte er unsere fremden Legionäre: Hellenen, Gallier, Westgoten, Ostgoten, Briten, Normannen, Phönizier und sogar Nubier und Ägypter. Kopfschütteln reihum. Schliesslich war es ein alter Seher, der wenigstens die Sprache zu entziffern glaubte: Tarmed. «Sind hier irgendwelche Tarmeden in unseren Reihen?» fragte ich beim nächsten Appell in die Runde. Wieder: Kopfschütteln reihum. Wo liegt wohl Tarmedistan? Mal im Internet nachschauen. Über eine Provinz namens Tarmedistan konnte ich zwar nichts finden. Aber immerhin: eine Lesehilfe für Tarmed-Rechnungen. Auf www.kostensenken.ch! Mein Helvetier war erleichtert, zumal sich auch die Arztrechnung als korrekt entpuppte. Ergo: Wir wissen nun, wie man tarmedisch spricht, aber vom Volk der Tarmeder keine Spur. Die spinnen, die Tarmeder!
Ein Argument, mit dem Ärzte immer wieder gegen die direkte Abrechnung ins Feld ziehen ist das Folgende: «Wir wollen, dass die Patienten Honorarschuldner bleiben. Sonst haben die Versicherer zu viel Einflussmöglichkeiten auf uns Ärzte - denn letztlich wollen die Versicherer bei der Art der medizinischen Behandlung mitbestimmen.» Sic! Da stehen sich also zwei Parteien gegenüber – auf der einen Seite die Ärztegesellschaft, die mehr Mitbestimmung der Krankenkassen befürchtet. Auf der anderen Seite die Krankenkassen, die Kosten senken wollen. Und dazwischen: wir Patienten, eine landesweite Pufferzone, hinter der sich die Ärzte verschanzen können? Ein ganzes Volk in kollektiver Geiselhaft, nur um eine offene Konfrontation zu vermeiden? O tempora, o mores! Da sind Sie bei mir als alter Haudegen an der falschen Adresse! Wo bleibt der Mumm? Schon mal etwas gehört, von Angesicht zu Angesicht, Mann gegen Mann bzw. Frau gegen Frau! Nehmen Sie sich ein Exemplum an uns, damals, bei der Schlacht von Silarius! Auf geht’s! Kreuzen Sie die Klingen, führen Sie Ihre Argumente ins Feld, möge der Bessere siegen. Aber wir Patienten haben in dieser Arena nichts verloren – lasst uns frei! Ergo: ich kann nur wiederholen: ich mags direkt!
Wegen einer alten Läsur am Unterarm war ich wieder mal bei einem Medicus zu Besuch. Und da ich seit der Schlacht am Silarius vogelfrei und ohne festen Wohnsitz bin, wollte ich meine Arztrechnung direkt an meinen Versicherer senden lassen. Höflich gab mir der Medicus vor meiner Behandlung zu verstehen, dass er keine Rechnungen direkt an Versicherer sende. Ebenso höflich gab ich zur Antwort, dass ich es aber so wünsche. Worauf er sein Spritzenset öffnete und drauf und dran war, die grösste seiner Spritzen herauszunehmen. Beim Anblick dieses stichhaltigen Arguments musste ich zum Rückzug blasen. Ergo: ich frage künftig erst nach der Behandlung, ob die Rechnung direkt an den Versicherer geschickt werden kann.
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